Mittwoch, 7. Oktober 2009

Roy Rubin über Open Source, Lizenzen und die Zukunft von Magento

Brad: Willkommen bei einer weiteren Ausgabe des SitePoint Podcast. Ich bin Ihr Gastgeber, Brad Williams, und heute ist Roy Rubin mein Gast, der Begründer der bekannten Open Source eCommerce Software Magento.
Herzlich Willkommen Roy.

Roy: Hallo Brad, und danke für die Einladung.

Brad: Es freut mich, dass Sie hier sind. Magento ist ja in aller Munde und derzeit sozusagen das heißeste Open Source eCommerce-Angebot. Es freut mich also besonders, dass Sie heute bei uns sind, denn es gibt viele Fragen, nicht nur von mir selber, sondern auch aus der Community. Wir können also zusammen einiges über Magento lernen.
Legen wir also gleich los, weil wir viel vorhaben. Fangen wir also mit den Anfängen an, zu denen die erste Frage von einem SitePoint-Mitglied kommt.
IceMan90 und IceMan möchten wissen, warum Sie beschlossen haben, als weiterer großer Anbieter auf dem Markt für Open Source-Shops zu kommen, der ja seit vielen Jahren von Zen Cart und osCommerce dominiert wurde.

Roy: Als wir Anfang 2007 mit Magento begonnen haben, waren wir etliche Jahre als Dienstleister für osCommerce tätig, nicht so sehr für Zen Cart, sondern mehr für osCommerce. Unser Geschäft ist gewachsen, unsere Kunden hatten immer weitergehende Ansprüche, und auch das Internet hat sich entwickelt. Wir sind dann zur Überzeugung gekommen, dass die Zeit von osCommerce, Zen Cart und ihren vielen Verzweigungen ihrem Ende zugeht und dass es Zeit für eine reifere, aktuellere Plattform ist. Sie sollte den Bedürfnissen der Händler besser entsprechen, denn die Technologien entwickeln sich ebenso wie die Märkte weiter. Ich hoffe, das ist uns mit Magento gelungen.

Viele Features, die es heute in Magento gibt, stammen aus unseren jahrelangen Erfahrungen mit osCommerce, Zen Cart usw.. Das ist also wirklich die nächste Entwicklungsstufe. Ich glaube, unser Hintergrund hat uns wirklich geholfen, ein ansprechendes Produkt zu entwickeln.

Brad: Sie haben osCommerce erwähnt. Ich habe gelesen, dass Sie ursprünglich vorhatten, eine neue Variante von osCommerce zu bauen, den Plan dann aufgegeben und bei Null angefangen haben. Stimmt das?

Roy: Nein, so war es nicht.

Brad: Gutes altes Wiki.

Roy: Naja, das wäre schon eine gute Story gewesen. Aber so war es nicht. Wir haben nie mit dem Gedanken gespielt, den Code von osCommerce als Basis zu verwenden. Als wir die Vision für das Projekt entwickelt haben, wurde schnell klar, dass es eine ganz andere Architektur geben muss. Es kam absolut nicht in Frage mit dem zu arbeiten, was osCommerce anbot und noch heute anbietet.
Wir haben also von Anfang an gewusst, dass wir etwas anderes machen müssen.

Brad: Würden Sie sagen, dass es schwieriger war als geplant? Wenn ich an eCommerce denke, fallen mir so viele Dinge ein. Wenn ich mir vorstelle, eine eCommerce-Website von Null an neu aufzubauen, frage ich mich, was das alles kostet. War es einfacher als Sie dachten oder schwieriger? Wie hat es sich entwickelt?

Roy: Ich denke, es war aufwändiger als wir jemals gedacht hätten. Wenn man betrachtet, wo wir heute stehen und wo wir vor zwei Jahren dachten, dass wir wären – dann sind das zwei Welten. Es ist ein wahnsinnig großes Projekt. Ein unglaublich engagiertes und zielstrebiges Team hat Unmengen an Arbeitsstunden investiert. Das hätten wir so nicht erwartet.

Brad: Wie groß war denn das Entwicklerteam für Magento am Anfang?

Roy: Wir haben – wie gesagt - Anfang 2007 angefangen. Mindestens drei oder vier Leute haben sich mit der Architektur beschäftigt. Das war sozusagen das Core Team über 5-6 Monate. Danach wurde das Team aufgestockt. Vor dem Release 1.0 waren es dann 35 Mitarbeiter. Es wurde hier intern zu einem sehr, sehr großen Projekt, und wir haben alle verfügbaren Mitarbeiter für Magento eingesetzt. Denn wir wollten ja nicht nur Technologie anbieten, sondern etwas Benutzerfreundliches, so dass man auf der Site die für eine Entscheidung nötigen Informationen findet. Das ganze Unternehmen hat dahinter gestanden, und so ist das Team immer größer geworden, je näher die Version 1.0 gerückt ist.

Brad: Nur zur Sicherheit: Ihr Unternehmen, von dem Sie sprechen, ist Varien, ein Software-Haus. Stimmt das so?

Roy: Ja, das war es mal. Ich habe das Unternehmen im Jahr 2001 gegründet. Heute konzentrieren wir uns natürlich auf Magento, das zu unserem wichtigsten Produkt geworden ist. Seit Ende 2007/Anfang 2008 sind wir ein klassisches Unternehmen für Beratung und Web-Entwicklung mit vielen verschiedenen Aufgaben.

Brad: Das ist ja Wahnsinn, dass es in so einer kurzen Zeit diese Entwicklung von der klassischen Software-Entwicklung hin zu diesem selbst erstellten Software-Paket, Magento, gegeben hat, über das jeder spricht. Ich habe selber ein Software-Haus geleitet, komme also eher aus der klassischen Schiene. Wir entwickeln im klassischen Sinn. Es ist schon toll, was Sie da in so kurzer Zeit erreicht haben. Zweieinhalb Jahre Magento und mehr als eine Million Downloads, stimmt das?

Roy: Ja, wir stehen bei mehr als 1,1 Mio Downloads, und es geht immer weiter. Es ist also erfreulich, das Wachstum hält an. Wir sind wirklich begeistert.
Vielleicht noch ein Wort zum Übergang vom Beratungsunternehmen zu einem Produktunternehmen, was ja nie einfach ist. Und das beschäftigt uns auch noch immer, auch wenn wir langsam damit fertig sind. Viele Berater möchten ein eigenes Produkt besitzen und darauf aufbauen. Ich kann sie dazu nur ermutigen. Ich glaube, es zahlt sich aus, wenn man so ein Produkt sieht, wenn man sieht, wie das eigene Produkt auf den Markt kommt und angenommen wird. Das hat schon was.

Brad: Super. Ich bewundere nicht nur, dass Sie dieses tolle Produkt entwickelt haben, sondern auch, dass Sie es Open Source freigeben. Sie hätten es doch genauso proprietär lassen und Lizenzgebühren verlangen können. Sie haben es unter der Open Source Version 3 angeboten. Stand die Entscheidung für Open Source schon von Anfang an fest oder hat sich das erst im Laufe der Zeit ergeben?

Roy: Wir haben von Anfang gewusst, dass wir diese Strategie verfolgen würden. Wir kommen aus dem Open Source-Bereich und kennen uns da gut aus. Wir haben an das Modell geglaubt und tun es auch noch immer. Wir haben auch gesehen, dass andere damit gut fahren. Wir haben MySQL, SugarCRM, Alfresco und andere OpenSource-Anbieter gesehen und gemerkt, dass es im eCommerce gute Chancen gibt. Das hat uns in dem Glauben bestärkt, dass es ein Business-Modell mit dem Vertrieb von kostenloser Software gibt. Auch zwei Jahre danach glauben wir noch immer an dieses Modell.

Brad: Das ist toll. Von den Anforderungen her läuft Magento auf einer Linux-Plattform, nicht wahr?

Roy: Ja, so ist es.

Brad: Ich habe mir die System-Anforderungen angesehen, aber Windows nicht gefunden. Läuft Magento auch auf Windows oder ist das ausgeschlossen?

Roy: Doch, es läuft schon unter Windows. Aber die Konfiguration ist nicht so einfach. Wir haben mit Zend, der PHP-Firma, zusammengearbeitet. Und wenn man Magento auf dem aktuellen Zend-Server laufen lässt, geht alles viel einfacher. Das war eine wichtige Sache für uns. Und wir möchten auch weiter mit Zend arbeiten, um Magento auch den Organisationen zur Verfügung stellen zu können, die lieber mit Windows als mit einer gemischten Umgebung arbeiten. Ich hoffe, die Frage ist damit beantwortet.

Brad: Gibt es Pläne, davon abzugehen, so dass Magento direkt unter Windows installiert werden kann und auf einem WAMP-Stack läuft? Oder braucht man immer Zend?

Roy: Wie gesagt, ich glaube, dass es schon heute auf einem WAMP-Stack läuft. Es gibt in Magento nichts, was das verbieten würde. Wir versuchen, den Prozess auch noch zu erleichtern. Wir denken an einen Zend Server (es gibt eine kostenlose Community-Version des Zend-Servers), der sich auch unter Windows installieren lässt.
Es ist heute noch etwas schwierig. Wir hoffen aber, dass wir das in Zukunft vereinfachen können.

Brad: Ich möchte noch ein wenig über die Lizenz hinter Magento sprechen. Wie schon gesagt wird die Open Source Lizenz (OSL 3.0) verwendet. Ich frage mich, warum Sie diese Lizenz den traditionelleren Lizenzen wie GPL oder LGPL vorgezogen haben.

Roy: Die OSL-Lizenz steht für Open Software Lizenz. Sie schließt das so genannte ASP-Schlupfloch. Es gibt in der Open Source Community eine große Diskussion darüber, was man unter Distribution versteht. Bei Magento handeln wir das Thema über ein Netzwerk ab, so wie bei der klassischen Distribution unter der GPL.
Was heißt das? Wenn man Magento weiter entwickelt und das Ganze auf eine Website stellt und digital über das Web vertreibt, dann handelt es sich noch immer um Distribution. Da die OSL-Lizenz eine Lizenz auf Gegenseitigkeit ist, muss die Arbeit auch unter der OSL-Lizenz lizenziert und veröffentlicht werden.
Warum haben wir uns für diesen Weg entschieden? Weil wir der Meinung sind, dass wir eine Menge Arbeit in Magento investiert haben und hoffen, dass es uns die Community dankt, indem sie Weiterentwicklungen der Community auch wieder zur Verfügung stellt.
Als wir uns für die OSL-Lizenz entschieden haben, hat nur die OSI (Open Source Initiative) die Open Source-Lizenzen zertifiziert, und nur die OSI-zertifizierten Lizenzen schlossen das ASP-Schlupfloch. Danach kam die LGPL-Lizenz auf den Markt. Heute gibt es diese beiden Lizenzen, vielleicht auch noch andere. Aber als wir uns für die OSL entschieden haben, war sie die einzige von der OSI anerkannte Open Source-Lizenz, die das ASP-Schlupfloch geschlossen hat.

Brad: Open Source-Lizenzierung ist ein interessantes Thema. Es ist aber auch schwer, dabei zu bleiben, besonders wenn man sich in Fallbeispielen mit Sachen beschäftigt, die erlaubt und verboten sind.
Es ist für die Leute manchmal etwas verwirrend, aber schön, dass es unter der Open Software-Lizenz (OSL) veröffentlicht wurde. Es ist also nicht die GPL, wie es viele erwartet hätten.

Roy: Ja, es ist nicht die GPL, und es gibt einen großen Unterschied zwischen beiden. Wir haben versucht, den Markt darüber zu informieren. Aber wir müssen in dieser Hinsicht sicher noch mehr tun. Aber die Lizenzierung weist große Unterschiede zur GPL auf, und dafür gibt es eine Menge guter Gründe.

Brad: Kommen wir zu den Features von Magento. So wie es aussieht, hat Magento jede Menge Features. Wenn man die offizielle Magento-Site unter www.magentocommerce.com besucht, findet man diese unter „Product“ - „Features“.
Nennen Sie uns doch ein paar Features in Magento. Erwarten das die meisten Leute von einem eCommerce-Store? Gibt es auch besondere Features, die man sonst nicht findet und die Sie besonders cool finden?

Roy: Ich glaube, die Multi-Store-Fähigkeit zählt zu den Features, die Magento nicht nur von den aktuellen Open-Source Angeboten, sondern auch von einigen proprietären Angeboten in der Enterprise-Liga unterscheidet. Das haben wir Anfang 2007 als Trend erkannt, und es hat sich definitiv als richtig erwiesen, dass Händler mehrere Online-Shops, mehrere Online-Geschäfte aus einer administrativen Instanz von Magento betreiben können.
Das haben wir in den Core eingebaut, weil es uns am Herzen liegt. Und es wurde auch sehr, sehr gut aufgenommen.
Und sonst? Ich glaube, unsere Preisregeln und die Rabatt-Engine sind auch sehr, sehr stark. Die Möglichkeit, wirklich differenzierte Rabatte geben zu können, wurde sehr gut aufgenommen. Auch unser Katalog-Management findet auch große Beachtung. Damit bekommen Händler eine flexible Möglichkeit, verschiedene Katalogarten zu verwalten. Egal ob man virtuelle oder physikalische Produkte verkauft oder ob man in verschiedenen Disziplinen tätig ist: Die Chancen stehen gut, dass Magentos Katalogstruktur und die Prozesse zum Aufbau des Katalogs dies unterstützen.
Wir haben mit der Software versucht, den Händlern nicht im Weg zu stehen und ihnen nicht vorzuschreiben, wie Sie Ihr Geschäft organisieren müssen. Wir haben ihnen vielmehr eine Plattform und ein Produkt gegeben, mit der bzw. dem sie alles so einrichten können, wie es für sie passt.

Brad: Der Site-Manager ist wirklich ein cooles Feature, über das ich gerne noch etwas sprechen möchte. Wenn ich es recht verstanden habe, kann ich mit einer Installation von Magento mehrere Stores betreiben. Kann ich für diese Stores auch verschiedene Domains verwenden oder werden sie alle wie eine Sub-Domain oder Unterverzeichnisse auf die Haupt-Website gemappt?

Roy: Sie haben völlig Recht, Sie können Magento-Stores unter verschiedenen Domains betreiben – das ist ganz einfach. Sie können auch Subdomains verwenden, wenn Ihnen das lieber ist - unter verschiedenen Domains oder der gleichen Domain – wir geben Ihnen die volle Flexibilität.

Brad: Bleiben Produktbasis und Kunden getrennt, oder wird das alles zusammengefasst?

Roy: Sie können die Kunden für mehrere Stores verwenden oder verschiedene Kundenkonten verlangen. Sie können gemeinsame Warenkörbe für die Shops anlegen. Diese Optionen lassen sich konfigurieren. Und – wie gesagt – Sie können verschiedene Domains für die Stores verwenden.

Wir haben Firmen mit mehreren Marken, die eine Magento-Instanz mit vielen Marken betreiben. Man kommt gar nicht auf die Idee, dass es sich um die gleiche Instanz handelt. Jede Marke hat für den Benutzer ein eignes Look-and-Feel. Registrierung und Login sind für jede Marke separat, auch wenn alles zentral über einen Magento-Admin gesteuert wird.

Brad: Das ist ja toll. Das wusste ich noch gar nicht, aber das ist wirklich fantastisch, denn aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass viele Kunden, für die wir eCommerce-Shops eingerichtet haben, ein paar Monate nach der Fertigstellung wieder kamen und einen weiteren Shop wollten. Also haben wir einen weiteren Shop gebaut. In diesem Fall aber könnten wir das Site-Management verwenden und in der bestehenden Installation einfach einen weiteren Shop anlegen. Das ist schon toll.

Roy: Stimmt. Und es gibt keine Einschränkungen. Wenn Sie ein individuelles Design und individuelle Funktionen für die einzelnen Shops möchten, dann ist das leicht möglich. Wir machen den Weg frei und überlassen es Ihnen, wie Sie ihr Geschäft machen wollen. Wir bieten eine Plattform, die stark genug ist, das für Sie zu verwalten, ohne Ihnen Regeln oder Logik für Ihr Geschäft aufzudrängen.

Brad: Toll. Ich habe mir die Roadmap für Magento angeschaut um herauszufinden, was wir in den kommenden Monaten und Jahren erwarten können. Ich habe einen Beitrag gefunden, in dem gesagt wird, dass die Kontrolle der Roadmap nun beim Community Advisory Board liegt. Könnten Sie uns bitte erklären, was dieses Community Advisory Board ist und was das für die die Zukunft von Magento und für zukünftige Features bedeutet.

Roy: Gerne. Vielleicht sollte ich dazu ein wenig ausholen: Es gibt heute wirklich zwei Produkte. Das eine ist die Magento Community-Edition. Dieses Produkt haben wir mit der 1.0 im März 2008 als erstes auf den Markt gebracht. Etwa ein Jahr danach kam die Enterprise Edition auf den Markt.
Die Enterprise Edition wird von Varien kontrolliert. Es kommen weitere neue Features dazu. Wir beraten uns mit unseren Partnern und Kunden und richten das Produkt auf Kunden aus, die ein etwas größeres Online-Business betreiben als es die Nutzer der Community-Edition derzeit vielleicht tun.
Wir versuchen die Community Edition so weit wie möglich für die Community zu öffnen. Es gibt also Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen.
Eine davon ist die Einrichtung des Community Advisory Boards. Es wird von einem unserer Mitarbeiter, Koby, geführt. Wir haben eine Menge Leute aus den verschiedenen Communities der Welt versammelt. Und sie treffen die Produktentscheidungen für die Enterprise Edition und für MagentoCommerce.com. Sie stehen in Kontakt mit ihren lokalen Communities, kriegen von dort Feedback und filtern das für die Meetings des Community Advisory Boards, wo die Entscheidungen gefällt werden.
Als eine der ersten Aktionen mit dem Community Advisory Board haben wir eine Möglichkeit geschaffen, dass uns die Community mitteilen kann, was ihrer Meinung nach am wichtigsten für die Community Edition ist.
In diesem Monat werden wir unseren Code zum ersten Mal für externe Beiträge öffnen. Wir haben derzeit 99,9% des Magento Core-Codes entwickelt und möchten ihn nun langsam öffnen, damit auch Dritte ihre Beiträge leisten können. Viele aus der Community haben den Wunsch geäußert, uns wirklich zu unterstützen. Und das tun wir nun.

In Zukunft, in einem Jahr, in zwei oder drei Jahren hätten wir gerne ein Community-Produkt, das von der Community unter der Führung von Varien betrieben wird, bei dem die Community und Varien am Core arbeiten und Varien mit Unterstützung der Community die Community Edition weiterentwickelt.
Die Enterprise Edition wird separat laufen und stark von uns geführt, zielt aber auf eine andere Kundenbasis ab.

Brad: Und wenn die Roadmap festgelegt ist, wird sie auch veröffentlicht, oder?

Roy: Ja, ja. Wir veröffentlichen die Roadmap der Community Edition nicht, weil wir nicht wollen, dass die Leute Geschäftsentscheidungen auf Grund von Informationen treffen, die dann vielleicht nicht umgesetzt werden. Egal wie oft wir die Leute um Geduld bitten – wir dürfen keine falschen oder missverständlichen Informationen rausgeben. So bald es eine abschließende Bestätigung und Zustimmung vom Community Advisory Board gibt, werden wir die Informationen veröffentlichen.
Diese Informationen werden auch für die Enterprise-Version veröffentlicht, aber natürlich auf einer anderen Ebene.

Brad: Können Sie erklären, was Magento Extensions sind und was sie genau tun?

Roy: Natürlich. Wir haben das so genannte Magento Connect eingerichtet. Das ist der Marktplatz für Magento Extensions, von denen es inzwischen, glaube ich, 1200 gibt. Es gibt sowohl kommerzielle Extensions als auch Open Source Extensions. Sie reichen von Zahlungs-Schnittstellen (derzeit über 200) über Versandarten, Sprachen, Themes über Funktionsverbesserungen bis zu Verbesserungen im BackEnd und im FrontEnd und vielem mehr.

Magento ist also heute eine Plattform, die weiter entwickelt werden soll. Wir wünschen unseren Extension-Entwicklern viel Erfolg und haben einige Pläne, wie wir sie dabei unterstützen und ihre Arbeit bekannt machen können.

Brad: Nun, eines ist mir auf Magento Connect aufgefallen: Es gibt nicht nur Plug-Ins von der Community, sondern auch eine ganze Reihe kommerzieller Plug-Ins mit Preisen und einem Link zur Bezugsquelle. In der Open Source Community ist das zum Teil beliebt und zum Teil verhasst. Sie mögen das also offenbar und nehmen die kommerziellen Plug-Ins auf. War das von Anfang an so, oder kam das später dazu?

Roy: Nein, das gab es von Anfang an. Wir kommen aus der Open Source Community. Da liegen – wie gesagt – unsere Wurzeln und wir glauben daran. Aber das heißt nicht, dass wir glauben, dass wir anderen sagen können, wie sie ihr Geschäft machen sollen. Als wir mit Magento begonnen haben und ernsthaft darüber nachgedacht haben, wie ein Extension Framework aussehen könnte, wurde uns klar, dass wir vor allem Extensions mit der besten Qualität und die qualifiziertesten Entwickler wollen. Und dafür muss es einen geeigneten Anreiz für diese Entwickler geben, sich weiter zu beteiligen und hochwertige Extensions zu bauen.
Das geht, indem man sie ermutigt und ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Arbeit kostenpflichtig zu machen. Wir hoffen, dass es langfristig auch Open Source Extensions gibt, und wir werden auch dafür sorgen.

Unsere Extensions sind bis heute alle Open Source. Wir haben bisher für keine Extension was verlangt. Und so läuft unser Geschäft. Wir haben aber Verständnis dafür, dass Entwickler von Drittanbietern eine Aufwandsentschädigung benötigen, wenn sie qualitativ hochwertige Arbeit abliefern. Auch das gehört für uns zu Open Source. Das Preisschild mit der Null wird langfristig keinen Bestand haben. Wir hoffen aber, dass uns dieses Projekt lange erhalten bleiben wird.

Brad: Gibt es irgendwelche Bedenken, dass alle Extensions kostenpflichtig sein könnten, nichts Kostenloses mehr zum Download zur Verfügung steht und alles bezahlt werden muss?

Roy: Ja, da haben wir schon Bedenken. Wir tun alles, um ein gutes Beispiel abzugeben und den Gedanken des Open Source so gut wie möglich zu unterstützen. Und wir arbeiten auch eng mit Entwicklern aus der Community zusammen, die Open Source und kostenpflichtige Extensions entwickeln. Gerade heute hatte ich ein Gespräch und jemand hat mich gefragt „Soll ich was dafür nehmen oder es kostenlos zur Verfügung stellen?“, und ich habe mich dafür eingesetzt, dass er es der Community zur Verfügung stellt. Es wird einige tolle Extensions geben, die der Community kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Manchmal macht es also Sinn, seine Arbeitsergebnisse kostenlos zur Verfügung zu stellen und manchmal muss man daraus seine Aufwände decken. Wir unterstützen beides und hoffen, dass wir weiterhin ein gutes Beispiel abgeben, dem sich andere anschließen werden.

Brad: Super. Nur kurz noch zu den Magento-Entwicklern. Sie haben vorher erwähnt, dass die Community nichts am Core entwickeln darf. Stimmt das?

Roy: Richtig. Derzeit bitten wir vorwiegend um Beiträge in Form von Extensions und nicht von Patches, die in den Core eingebaut werden.

Brad: Auf Ihrer Website habe ich das Bug-Tracking gefunden und versucht, herauszufinden, welche Software Sie verwenden. Magento läuft unter EE, was auch eines unserer Mitglieder gesagt hat. Ist das die Basis für MagentoCommerce.com?

Roy: Sie sprechen vom ExpressionEngine, Brad?

Brad: Ja, ExpressionEngine. Das verwenden wir auch, und eines unserer Mitglieder wollte wissen, warum Sie sich für EE entschieden haben und nicht beispielsweise für WordPress.

Roy: Für einen Teil unserer Website verwenden wir ExpressionEngine. Aber leider nicht für das BugTracking. Dafür verwenden wir normalen Code und als BackEnd Mantis, wenn ich richtig informiert bin. Das läuft also im Hintergrund.
ExpressionEngine ist ein tolles Produkt. Wir mögen es sehr und verwenden es für den Großteil der Website. Ich glaube, dass einige der kreativen Elemente unter magentocommerce.com von uns geschrieben wurden. Groups, Magento Connect, das Bugtracking, die Jobbörse, natürlich der Shop, das ist Magento und etwas eigene Entwicklung.
Wir haben tausende von Stunden an Arbeit in ExpressionEngine gesteckt, um es dahin zu bringen, wo wir es nun sehen. Das ging weder schnell noch schmerzlos, man muss da schon was dafür tun. Und wir verwenden auch weiter viel Zeit, damit die Community-Site wachsen kann und die verschiedenen Bedürfnisse erfüllt werden, wenn das Projekt weiter wächst.

Brad: Nun zur Frage eines anderen Mitglieds der Community: Joaquin Win möchte wissen - und Sie haben ja schon erwähnt, dass beim Release der Version 1.0 50 Entwickler tätig waren – wie viele Entwickler derzeit an Magento arbeiten.

Roy: Das Core-Team besteht derzeit aus 14 oder 16 Personen, wenn ich mich nicht irre. Dazu zählen natürlich Produktmanager, Entwickler, Architekten, Leute für QS und Benutzerschnittstelle, also ein ziemlich breit aufgestelltes Team. Es sind eine Menge Leute, die sich auf verschiedene Bereiche spezialisiert haben.

Brad: Ist das Team verteilt oder arbeiten alle in einem großen Büro bei Ihnen?

Roy: Das Team ist verteilt, und die Leute kommen aus vielen verschiedenen Ländern.

Brad: Toll. Bevor wir zum Schluss kommen, möchte ich noch über die Zukunft von Magento sprechen, was wir noch erwarten können, und dann gibt es noch ein paar Fragen von unseren Mitgliedern.

Alex Dawson möchte wissen: Welche innovativen neuen Funktionalitäten sind geplant, damit Sie Ihren Vorsprung vor der Konkurrenz halten können?

Roy: Gute Frage. Die beste Antwort darauf ist sicher der Rat, auf die Seite mit den User-Stimmen zu schauen. Dort sieht man die Liste der Features, die die Community erwartet. Und die Erwartungen sind wirklich groß.

Brad: Findet man das unter MagentoCommerce.com oder ist das eine separate Site?

Roy: Ja, ich glaube, das ist magento.uservoice.com oder so was ähnliches.

Brad: Ich werde mal nachschauen und den Link in die Notizen stellen. (Anm. d. Übers: Der Link ist korrekt.)

Roy: Spitze. Wir hoffen, dass wir im nächsten Community-Release ein Konzept zu Widgets anbieten können, worauf sehr viele Leute warten, wie ich glaube. Damit könnte man verschiedene Arten von Widgets in die Magento-Site einbauen. Das ist eine tolle Funktionalität. Dafür hat das Team viel getan, und ich glaube auch, dass das sehr gut ankommen wird.

Brad: Kann man diese Widgets mit den Widgets in WordPress oder einem Block in Drupal vergleichen? Oder handelt es sich um einen kleinen Block, den man im Shop herumschieben kann?

Roy: Für uns sind es inzwischen Blöcke. Ein Widget hat für uns viele Funktionen. Sie können Produkte herumschieben, Produkte auf verschiedenen Seiten anzeigen, sei es auf Landing-Pages, sei es auf Kategorie-Seiten. Das ist um einiges flexibler als die aktuelle Methode, Produkte herumzuschieben. Ich werde mein Team mal bitten, einen kleinen Screencast zusammenzustellen, den wir vor dem Release zur Verfügung stellen können. Dann weiß jeder, was er erwarten kann.

Brad: Ja, das klingt gut. Noch eine kurze Frage von einem Benutzer mit dem Namen Reggae: Im Grunde heißt es, dass Magento in seiner aktuellen Form alles für alle sein will und diese Ein-Mann-Shops überfordern kann. Hat es Überlegungen oder Gespräche gegeben, ein Magento Lite oder eine einfachere Version zu veröffentlichen, die wirklich ganz einfach ist?

Roy: Ja, das Thema ist schon öfter angeschnitten worden. Magento ist ein komplexes Produkt, das ist ganz klar, und da hat der Fragesteller absolut Recht, dass es einen überfordern kann. Darüber machen wir uns durchaus Gedanken, aber das zeigt auch, wie komplex Magento heute ist. Wir warten mal die Entwicklung ab. Aber ich glaube, dass es interessant sein könnte, einen kleineren Markt zu bedienen als wir das jetzt tun, wenn wir ein sehr schlankes Produkt anbieten. Ja, in der Tat.

Brad: Gut. Alle von SitePoint hören zu, und das sind viele gute Designer, Entwickler, Blogger, Autoren, alles, was man sich vorstellen kann. Wie können sie sich beteiligen? Wie kann man sich für Magento engagieren und mithelfen?

Roy: Sicher, dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Für Entwickler und Fans ist Magento Connect ein guter Platz, um Extensions rauszubringen, eine Community und einen Namen aufzubauen und wirklich Feedback vom Markt zu bekommen. Für Blogger lässt sich sagen, dass wir immer nach Beiträgen suchen. Wer also etwas schreiben, Videos, Podcats oder Audio-Beiträge liefern möchte, kann damit als Gastautor in unserem Blog erscheinen, oder was immer einem sonst noch einfällt.

Wenn Sie Mitglied des Community Advisory-Board werden möchten, ist auch das möglich. Schicken Sie mir eine Mail an roy@varien.com. Ich stehe der Community und für Gespräche immer zur Verfügung. Und falls ich mal nicht verfügbar sein sollte, kann ich Sie an die am besten geeignete Person verweisen. Aber sprechen Sie mit uns und sagen Sie uns, was Ihnen vorschwebt. Wir möchten gerne mit Ihnen weiter zusammenarbeiten.

Brad: Das ist toll, und es gibt auch einen sehr aktiven Magento Chatroom auf Freenode. Wenn also jemand im IRC ist, sollte er sich mal im Magento-Room umsehen, weil da einiges los ist. Ich bin auch dabei und verfolge die Diskussionen. Und so kommt man auch an Informationen.
Roy, es war sehr schön, dass Sie heute in der Sendung waren. Es war sehr informativ, und ich habe viel gelernt. Und ich denke, unseren Zuhörern geht es ähnlich. Magento ist ein tolles Produkt, und es ist auch toll, was Sie in so kurzer Zeit erreicht haben.
Noch mal vielen Dank für Ihr Kommen. Haben Sie einen Blog, sind Sie auf Twitter oder gibt es irgendwas, was Sie noch bekannt geben möchten?

Roy: Magento… twitter.com/magento… seien Sie dabei. Lesen Sie weiter den Magento-Blog, denn dort gibt es viele Informationen. Wir versuchen, dort täglich einen Beitrag zu veröffentlichen. Soweit dazu.
Vielen Dank an Sie, Brad, und an SitePoint, langjährige Quelle der Inspiration. Machen Sie weiter so, denn die große Community bringt wirklich gute Ideen.

Brad: Sehr schön, vielen Dank Roy. Und damit geht eine weitere Ausgabe der SitePoint Podcasts zu Ende.


Quelle: http://www.sitepoint.com/blogs/2009/09/26/podcast-29-roy-rubin-magento/